Ich lese ein Buch

Hartmut 5. Mai 2009 um 15:05 Uhr

Er: Na und?

Ich: Was meinst Du? Ich finde Deine Frage zweideutig.

Er: Wieso?

Ich: Fragst Du aus Interesse, was ich lese oder aus Desinteresse, weil es Dich nicht interessiert, ob ich überhaupt lese.

Er: Es interessiert mich nicht! Alles, was Du liest, ist tote Materie. Dick bedrucktes Blatt Papier, keine Bilder, kein Ton, keine Bewegung. Es ist Zeitverschwendung.
Was Du liest, schaue ich mir im Fernsehen an oder höre ich auf meinem MP3-Player. Zur Not lasse ich es mir vorlesen und wenn es mich nervt, schalte ich um oder aus.

Ich: Verstehe, was Du meinst. So wie Du denken wohl viele. Wenn ich auf den Bus warte oder im Bus sitze, ernte ich Blicke, die ich nicht deuten kann. Ich komme mir wie ein Ausgestoßener vor, weil ich kein Handy in der Hand halte oder mich von dröhnender Musik besäuseln lasse. Alles, was ich habe, ist mein Buch im Arm und manchmal befürchte ich, dass mich der Busfahrer deswegen nicht mitnimmt. Bin ich wirklich so seltsam?

Er: Du kehrst dem Fortschritt den Rücken. Vielleicht sollte Dich der Busfahrer tatsächlich nicht mitnehmen. Zu der Zeit, als man noch Bücher las, waren die Menschen mit Pferdedroschken unterwegs. Wenn Du Dich nicht anpasst, bleibst Du halt auf der Strecke.

Ich: Ein Buch zu lesen, bedeutet für mich in eine andere Welt einzutauchen, mich zu konzentrieren, meine Fantasie anzuregen und mich für eine gewisse Zeit in einen Dialog mit dem Autor und mir zu begeben. Ich kann darüber nachdenken, mich fesseln lassen und spannende Geschichten erleben.

Er: Und genau das interessiert mich nicht und daher beende ich unsere Unterhaltung, denn ich habe keine Zeit. Ich muss noch 2 Kästen Bier kaufen, weil ich heute Abend mit meinen Freunden eine Lan-Party machen werde und ich nur noch 10 Abschüsse brauche, um der unbesiegbare Counterstrike-Meister zu sein. Vielleicht schreibt ja jemand mal eine Biografie über mein Können.

Ich: Schade, wenn dann überhaupt kein Mensch mehr liest, oder?

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13 Kommentare zu “Ich lese ein Buch”

  1.  barbara am 5. Mai 2009 um 17:13 Uhr

    von wegen tote Materie! Ich lese auch sehr gerne. Ich kann mich ablenken in eine andere Welt, stelle mir die Menschen in dem Buch bildlich vor, staune vielleicht über bestimmte Ausdrücke und Empfindungen des Autors. Meist habe ich 2 Bücher zur Auswahl vor mir liegen und lese je nach Stimmung das Eine oder Andere.

    Momentan:
    Dona Flor und ihre zwie Ehemänner (Jorge Amado) und
    Organic (Alex Kava)

    und du?

  2.  Hartmut am 5. Mai 2009 um 17:33 Uhr

    Derzeit lese ich von Joseph Conrad „Herz der Finsternis“ – nicht regelmäßig aber immer wieder ein paar Seiten zwischendurch. Es reicht mir, meine Fantasie dann anzuregen und mir meine eigenen kleinen Geschichtchen um die Seefahrt (denn darum geht es in dem Buch) vorzustellen.

  3.  Hartmut am 5. Mai 2009 um 21:24 Uhr

    P.S. – Über das vorherige Buch schreibe ich mal morgen (?) einen Artikel ..war auch sehr geil…

  4.  Julia am 5. Mai 2009 um 23:51 Uhr

    ich mag Bücher‑ aber Blogs genauso, wenn nicht noch mehr; und daher verschlingen sie bei mir meistens mehr Zeit als Bücher.

    Zurzeit liegt „Die Ästhetik des Alltags“ von Regina Färber auf dem Nachtisch und ein paar Bestseller, die ich irgendwann mal rezensieren will‑ wenn der Alltag mich nicht aufgefressen hat. „Sakrileg“ z.B.

    hey, das gibt ja schon fast ein kleines Buchstöckchen ;-)

    mfg, Julia

  5.  J.A. Blog » Bloggen ist: weiblich. am 6. Mai 2009 um 00:43 Uhr

    [...] für ein verregneter Tag! Ich schaue in den Blogs, mal hier und mal da … und mir fällt auf, dass heute irgendwie alle über Bücher reden. Das liegt [...]

  6.  Rennhenn am 6. Mai 2009 um 08:36 Uhr

    Lese schon seit einiger Zeit heimlich bei dir mit, zu diesem Thema muss ich aber einfach meinen Senf dazugeben – schöner Artikel.

    Ich lese sehr gerne und tue das seit ich damals in der 1. Klasse das Lesen gelernt hab – vorher musste meine arme Uroma ran, die mir stundenlang Pixiebüchlein und Märchen vorlesen musste ;)

    Bücher waren für mich schon immer spannender und fesselnder als jeder Film, nur in einem Buch kann ich so richtig versinken und alles um mich herum vergessen. Ich kenne so einige Leutchen, die nicht gerne lesen, das sei ihnen zu anstrengend, da müsse man soviel mitdenken, sie ließen sich lieber von bunten Bildern berieseln usw.. Jedem das Seine – aber ihr wisst ja gar nicht, was ihr verpasst :)

    Merkwürdige Seitenblicke habe ich noch nie geerntet, wenn ich im Bus oder in der S-Bahn mein Buch auspacke… eher das Gegenteil: neugierige Blicke. Da ist es plötzlich sehr interessant zu erfahren, was da auf dem Buchdeckel steht. Und ich bin nicht alleine… ich fahre täglich mit dem Bus zur Arbeit und wieder zurück und sehe dabei jedesmal mindestens 2–3 lesende Menschen. Denke also, dass es noch nicht so schlimm um das Lesen bestellt ist.

    Ich lese gerade „Die Wand“ von Marlen Haushofer… ein sehr ruhiges Buch, keine Action und doch passiert soviel, wenn man genau hinliest. Und das Thema ist einfach grandios, da kommt man aus dem Denken gar nicht mehr heraus.

    Nun ist mein erster Kommentar bei dir fürchterlich lang geworden… entschuldige, ich hoffe, das stört dich nicht *schäm*

  7.  Hartmut am 7. Mai 2009 um 05:41 Uhr

    Auch nicht schlecht, mal eben 24 Stunden zu brauchen, einen Kommentar abzusetzen. Und das auch noch im eigenen Blog. Mit Julia habe ich schon außerhalb gechattet, daher nur kurz zu dir, liebe Rennhenn aka Gaso:
    Längere Kommentare stören mich ganz gewiss nicht. Ich liebe sie! Ich bin Meister der Ausführlichkeit. Ich glaube, ich habe noch nie einen Kommentar unter mindestens 300 Worten abgeliefert. Wozu auch? Wenn ich was zu sagen habe, dann wird das auch in aller Ausführlichkeit aufgeschrieben. Wozu haben wir denn eine Datenbank, die unsere Buchstaben in sich aufsaugt und nach mehr lechzt. Nee, im Ernst, ich mag es selten, wenn nur ein „Das war toll“ oder „Das war doof“ rüber kommt. Eine kleine Begründung tut immer gut.

    Ich habe mir in letzter Zeit das Fernsehen mehr oder weniger auch ab‑ und das Lesen wieder angewöhnt. Ich habe mir meinen Conrad gepackt, der hier seit Ewigkeiten rumlag und einfach an der Stelle, die das Lesezeichen seit Jahren markierte weitergelesen. Es war schwer, wieder rein zu kommen, aber das macht das Lesen auch manchmal aus. Einfach durch und aus zu halten. Nicht einfach wie üblich wegzappen.

    Ich sehe mal zu, dass ich Eure Buchtipps im Auge behalte. Ich nähere mich dem Ende und das nächste Buch „Enigma“ von Robert Harris lacht mich zwar schon an, motiviert mich aber noch nicht so ganz.

  8.  Rennhenn aka Gaso am 7. Mai 2009 um 08:07 Uhr

    Aha, also nur mal kurz zu mir… wenn das ein kurzer Hartmut-Kommentar war, bin ich gespannt wie die langen ausschaun *lach*

    Mit Conrad bin ich nie warm geworden, bin wohl keine Seefahrerin ;) … der einzige Seefahrerroman, den ich verschlungen und geliebt habe (nein, ich liebe ihn noch immer) ist „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Nadolny. Darin wird das Leben des Polarforschers John Franklin nicht ganz autobiografisch korrekt widergegeben.

    Deinem letzten Absatz entnehme ich, dass auch du eine lange Leseliste hast… schwierig, wenn man die Qual der Wahl hat. Noch soviele Bücher, die man lesen möchte.

  9.  Hartmut am 7. Mai 2009 um 11:21 Uhr

    Hallo Gaso!

    Ich schreibe halt gern, was soll ich tun ;)

    Was ich bei Conrad wirklich mag, sind die Details und natürlich auch die Beschreibungen der harten Bedingungen an Bord und auch an Land, wenn er von den afrikanischen Arbeitern an den Häfen und in den Bergwerken berichtet.

    Das von dir genannte Buch kenne ich auszugsweise. Großes Interesse daran habe ich bislang noch nicht gehabt. Nur, wenn es mir mal per Zufall in die Hände fliegt, werde ich es mir zu Gemüte führen, die Chancen hierfür stehen aber schlecht.

    Ansonsten fühle ich mich immer wieder auch zur russischen Literatur hingezogen. Neben Dostojewski und Tolstoi hängt mir immer noch das Buch von Vladimir Nabokov „Lushins Verteidigung“ in den Knochen. Dort konnte ich mich richtig identifizieren und mich fallen lassen.

    Im Prinzip bin ich, was mein nächstes Buch betrifft, wirklich hin und her gerissen. Es zieht mich auch zu dem von Julia genannten Buch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Zu gern würde ich mir das aus Sicht eines Mannes antun wollen.

    Mehr noch habe ich aber Lust auf etwas Spirituelles. Wahrscheinlich werde ich noch heute in den Buchladen meines Vertrauens fahren und mich von dem dort arbeitenden Fachmann in der esoterischen Ecke beraten lassen. Du wirst es in jedem Falle erfahren, wofür ich mich schlussendlich entscheide.

    Siehst du, ich kann auch kurz! :)

  10.  maya am 8. Mai 2009 um 17:56 Uhr

    Na die Biografie kann man sich ja vorlesen lassen^^

    Aber ich lese mittlerweile auch wieder gerne. Ich hatte es vor Jahren mal versucht und einfach kein Interesse. Jetzt verschlinge ich ein Buch nach dem anderen. So schnell hab ich oft gar keinen neuen Lesestoff besorgt und dann sitz ich immer da und bin kurz davon das eben gelesene nochmal zur Hand zu nehmen.

  11.  Hartmut am 11. Mai 2009 um 09:43 Uhr

    Erstmal Danke maya für Deinen 1. Kommentar von sechsen. War schon eine lustige Aktion bei Twitter, die ich bestimmt noch einmal wiederholen werde.

    Was ich noch nachreichen wollte, ist, dass ich mir jetzt wie ich es vorhatte ein eher spirituelles Buch geholt habe: Es ist von Theodor Landscheidt „Wir sind Kinder des Lichts“ – Untertitel: Kosmisches Bewußtsein als Quelle der Lebensbejahung“.

    Ich habe jetzt die ersten 10 von nur 118 Seiten praktisch verschlungen. Es liest sich sehr geil und ist genau das, was ich mir vorstellte. Sicherlich werde ich darüber einen eigenen Artikel schreiben.

  12. [...] in meinem Artikel “Ich lese ein Buch” deutete ich in den Kommentaren an, dass es mich wieder verstärkt in die spirituelle [...]

  13.  alahdia am 9. November 2009 um 13:53 Uhr

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