Religion, Politik und Wirtschaft Ⅷ

Hartmut 24. Juli 2008 um 02:07 Uhr

Das System des Antichristen

Der Antichrist kommt nach Off. 13 als Haupt eines gott­feindlichen Menschheitssystems. Dieses ist – ganz offenbar in Gegenüberstellung und Nachahmung der göttlichen Dreiein­heit – eine Einheit von drei Dreiheiten:

Drei Personen: der Drache, das Tier und der Prophet,
Drei Städte: Jerusalem, Babel und Rom,
Drei Grundsätze: staatliche, wirtschaftliche und religiöse Einheit.

So gleicht es einer dreiseitigen Pyramide mit der satani­schen Trinität an der Spitze. Es ist der »Turmbau von Babel« in endgeschichtlicher Vollendung.
Darum ist auch Zerschmet­terung und Gericht Gottes Antwort auf diese Herausforde­rung der Menschen (Off. 19, 11–21, vgl. 1.Mose 11,7).
Das Wesen des Antichristentums stellt sich – abgesehen von den drei Städten – folgendermaßen dar

1. Die persönliche Dreieinheit:
a) der Antigott,
b) der Antisohn,
ⅽ) der Antigeist.

2. Die kulturelle Dreieinheit:
a) die politische Einheit,
b) die wirtschaftliche Einheit,
ⅽ) die religiöse Einheit.

Nachfolgend möchte ich auf die kulturelle Dreieinheit eingehen:

Ⅰ. Die politische Reichseinheit

Wenn nach Off. 13 »alle, die auf Erden wohnen«, das Tier anbeten (V.8) und »alle« sein Malzeichen annehmen, die Kleinen und die Großen (V. 16), wenn »niemand« mehr kau­fen oder verkaufen kann, der dies nicht tut (V. 17), und »alle« getötet werden, die sich der Bildanbetung widerset­zen (V. 15), so bedeutet dies, daß ein Kultursystem im Kom­men begriffen ist, das politisch und staatlich ganze Völker­gruppen erfaßt, das, auf das straffste organisiert, jeden ein­zelnen überwacht und, energisch vorangehend, keinen Wider­spruch duldend, die oberste Gerichtsbarkeit ausübt.
Das aber heißt: die biblische Prophetie weissagt eine Zusammenarbeit vieler Länder, ein Riesenkultursystem zahlreicher Systeme, einen umfassenden Staatenbund mit einheitlicher Spitze. »Ihm wurde Gewalt verliehen über ALLE Stämme und Völker, Sprachen und Nationen« (Off. 13,7) !
Hier ist Vereinigung von Begeisterung (Off. 13, 4) und Furchtwirkung (Off. 13, 15), von Menschheitsbeglückung (Off. 11, 7–10) und rücksichtsloser Härte (Off. 11, 7; 13, 10; 17, 6), von Kulturidealismus und Despotie (Off. 17, 6).
Hier ist die Ausschaltung der Fliehkraft der einzelnen Teile durch die zum Mittelpunkt führende Ziehkraft des Ganzen. Hier ist der verwegene »Turmbau« der »Babylonier« der Endzeit (1. Mose 11, 1; 5 vgl. Off. 13, 7), der Höhepunkt aller Selbst­erlösung der Menschheit ohne Gott, die Siebenhügelstadt an den Wassern, »Großbabylon«, die Hure (Off. 17)

Darum schildert denn auch die Bildersprache der Offen­barung diese Weltlage der Endzeit als die Zusammenfassung und Gipfelung aller Weltreiche der Vorzeit, als das Endergeb­nis aller gottfernen Weltarbeit der Jahrtausende alten Mensch­heit, als die Generalsumme aller »Tier«reiche der Weissagun­gen Daniels:

Der Babylonier war ein »Löwe«,
Der Perser ein »Bär«,
Der Grieche ein »Pardel«,
Das vierte Tier ein Schreckenstier (Dan. 7, 2–8).
Die antichristliche Bestie aber ist alles zusammen: ihre Gestalt wie ein »Pardel«, ihre Füße wie ein »Bär«, ihr Maul wie eines »Löwen« Maul, und das Ganze ein Ungeheuer, das von dem »Drachen« inspiriert ist (Off. 13,2).

Dasselbe geht aus der Zahl der Köpfe und Hörner hervor: Der babylonische Löwe hatte einen Kopf, der persische Bär ebenfalls einen, der griechische Panther hatte vier und das vierte, das Schreckenstier, einen, sie alle zusammen also sieben. Und was die Zahl der Hörner angeht, so hatten die ersten drei keine, aber das letzte Tier zehn. So ergeben sich im Ganzen sieben Köpfe und zehn Hörner, also genau so viel, wie in der Offenbarung das erste Tier hat (Off. 13, 1). Indem dieses aber geradezu hierin zugleich ein Abbild des Drachen ist, der ebenfalls sieben Köpfe und zehn Hörner hat, wird offenbar, daß schon die Vorentwicklung von dem »Gott dieser Welt« beherrscht war, daß im Hinter­grund des gesamtmenschlichen Irrgangs der Drache steht, daß die Geschichte der Sünder eine Selbst­offenbarung des Teufels ist, eine erschütternde Verdrehung des uralten Schlangenevangeliums: »Ihr werdet sein wie – Satan, euer Gott«.

Bei dem allen lehrt die Bibel aber nicht, daß Gott etwa gegen jede Vereinigung des Menschengeschlechts sei! Im Ge­genteil, die innigste, geistliche, umfassendste Gemeinschaft der Menschen ist geradezu sein Ziel (Micha 4, 1–4)!
Sie ist in Christus, den er zum König bestimmt hat (Ps. 2, 6; Eph. 1, 10; Joh. 10, 16); sie hat ihn selber zum Mittelpunkt (Sach. 14, 9) und bringt Segen für die Mensch­heit in weltweitestem Ausmaß!
Verständigung der Völker, Achtung voreinander, gegenseitige Anerkennung, Zusam­menarbeit in Frieden – das ist alles nichts weniger als anti­christlich, sondern gerade gottgewollt.
Das, was die Schrift »antichristlich« nennt, ist nicht die politische Form, sondern der religiöse Aufruhr der Seele, die gemeinsame Ablehnung Christi, das bewußte Sich-Entscheiden gegen Gott.
Das Anti­christliche liegt also, seinem Wesen nach, auf der Linie des Glaubens, nicht auf der Linie der Kultur an sich, sondern auf der Linie des Kultus (der Verehrung des Göttlichen), nicht in der Sphäre der Geschichtsanschauung, sondern in der Sphäre der Religion. Es ist die Zusammenballung des Chri­stushasses, die Revolution gegen den Höchsten, der Versuch einer Entthronung des obersten Weitenherrn.

Insbesondere steht das Antichristentum in Beziehung zum Römerreich. Die zehn Zehen im Monarchenbild Nebukad­nezars haben – wenn auch mit Ton vermischt – das Eisen der Schenkel, ⅾ. h. des römischen Weltreiches, in sich (Dan. 2, 40–43). Die »zehn »Hörner« der Endzeit, aus denen das antichristliche »kleine Horn« hervorgeht, gehören zum vier­ten, ⅾ. h. römischen Schreckenstier (Dan. 7,7). Das »Babel« der Offenbarung, die »Hure an den vielen Was­sern« (d.h.Völkern), sitzt auf einem Tier mit sieben Köpfen, die sieben Berge bedeuten (Off. 17,1–16), ist also unverkennbar die »Versammlung des Erd­kreises«, die Urbs Septicollis, die Siebenhügelstadt Rom selbst.

So hat das antichristliche Reich als Kernreich eine Gruppe von zehn Staaten, entsprechend den zehn Zehen im Kolossalstandbild Nebukadnezars und den zehn Hör­nern am vierten Tier Daniels. Wie weit sich aber die Grenzen dieses »Zehnhörnerreiches« mit den altrömischen. Reichsgrenzen decken, ist schwer zu sagen. Die Grenzen des Römerreiches waren nie unwandelbar, und überhaupt bleibt ein Reich auch dann »dasselbe«, wenn es seine Grenzen weit über die bisherigen hinausschiebt, ja selbst, wenn es seine Hauptstadt örtlich verlegt. In jedem Fall wird das römi­sche Gebiet und die römische Reichsidee der politische Kern und die politische Seele des Ganzen sein.

Ⅱ. Die wirtschaftliche Reichseinheit

Nach Off. 13, 17 wird »niemand auf der ganzen Erde« mehr kaufen oder verkaufen können, der nicht das Malzeichen des Tieres angenommen hat. Das ist nur möglich, wenn im antichristlichen Reich alle kaufmännischen, sozialen und Industrieunternehmungen unter einer gemein­samen Oberaufsicht stehen, wenn dort eine Stelle besteht, die eine absolute Kontrolle und Herrschaft über den Markt ausübt.
Damit aber weissagt das Neue Testament eine riesenhafte Organisierung innerhalb der Menschheit mit Erfassung jedes einzelnen ihrer zuge­hörigen Glieder, auch des Einzelarbeiters und Kleinunternehmers,  eine viele Völker umspannende Ausübung des Alleinverkaufsrechts, eine über dem Wirtschaftsleben ste­hende, gemeinsame Weltreichshandelsgewalt, ohne deren »Warenzeichen« niemand mehr Geschäfte abschließen kann.
Auch hier ist nicht die wirtschaftliche Form das Antichrist­liche. Nur allergröbster Mißverstand könnte das behaupten. Überwachung des Wirtschaftslebens – von jedem Kulturvolk frei ausgeübt – ist Lebensnotwendigkeit jedes einzelnen Volkes, ist unerläßliche Maßnahme zur Verhütung sozialer Un­gerechtigkeit, ist Voraussetzung für Lebenserhaltung, für Förderung und Aufstieg.
Das Gott­feindliche besteht am Ende der Welt vielmehr darin, daß dies alles dann zum Kampf gegen gen Ewigen miß­braucht wird, zur Zerstörung des biblischen Christentums, zur brutalen Unterdrückung der Zeugen des christlichen Glau­bens (Off. 13, 17. 20,4).

Ⅲ. Die religiöse Reichseinheit

1. Selbstvergottung der Menschheit. Nach den Weissagun­gen der Offenbarung wird der Antichrist »angebetet« werden. Er wird die Bewunderung der ganzen Erde, die Verehrung ihrer Bewohner, die Begeisterung der Massen entflammen (Off. 13,8). Man wird von ihm sagen: »Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann den Kampf mit ihr aufnehmen?« Er wird als der Gipfel der Menschheit, als Verkör­perung ihrer höchsten Id??le, als Vollendung alles mensch­lichen Genies erscheinen, eben als »der Mensch« in dem Höchstsinn des Wortes. Er wird, in Vergottung der eigenen Kraft, sich über alles Göttliche erheben, sich in den Tempel Gottes setzen und darstellen, daß er Gott sei (2. Thess. 2, 4).

Damit aber wird seine Verehrung zur Verehrung des Men­schentums überhaupt, und wer sich ihm widersetzt, wider­steht der Gesamtheit: er ist Beleidiger der Menschheit in des Wortes verletzendster Bedeutung; er ist »Empörer« und »Rebell« und fällt darum der Vernichtung anheim.

Durch dies alles aber wird das antichristliche System eine politische Glaubensgemeinschaft mit Verschmelzung von Staat und Religion, eine sich selbst vergötternde Weltkirche unter Nichtduldung aller entgegengesetzten Überzeugungen. Also: Aufhebung der Glaubensfreiheit, religiöser Zwang, plan­mäßige Gewissensknechtung, massenhafte Hinrichtungen anständiger  Bürger nur um ihres Glaubens willen.

Dies ist die Religion des Antichristen: es ist die greuliche Lehre von der Gottheit des Menschen, der Glaube an sich selbst, die Vergötzung des eigenen Geistes. Es ist der impo­santeste Versuch, die Folgen der Sünde ohne die Sünde sel­ber zu beseitigen, der Abschluß des »Fortschritts«, die Vollendung aller gottfernen Kultur.

2. Verstaatlichung der Religion. Das Antichristentum ist also kein unreligiöser, sondern ein religiöser Gegensatz des Christentums.
Es ist nicht eine Ausschaltung, sondern Ver­staatlichung der Religion, nicht eine Geringschätzung, son­dern so hohe Wertschätzung derselben, daß zu ihren Gun­sten sogar die Staatsautorität eingreift.
Es ist nicht einfaches Heidentum, sondern ein Überheidentum, nicht all­gemeines Namenchristentum, sondern ein Lügenchristentum.
Es ist »Christentum« und Heidentum zugleich, nämlich Ver­kehrung des Christentums und Vollendung des Heidentums. Es ist Heidentum mit »Überwindung« und Verwerfung des biblischen Christentums; es ist Selbstverherrlichung und Selbstanbetung eines ehebrecherischen Geschlechts (Matth. 12, 39; Phil. 2, 15); es ist Selbstvergottung und darum voll­endete Gottlosigkeit, der Gipfel aller Greuel und Abgötterei der Welt. »Es ist nicht Fleisch, sondern Geist, nicht Torheit, sondern Weisheit, nicht Schwachheit, sondern Kraft; es ist nicht menschlich, sondern dämonisch, nicht natürlich, sondern geheimnisvoll, nicht Finsternis, sondern blendender Glanz« (W. Lütgert).

Nach außen hin erscheint es als religiöser Weltbund, als Vereinigung von Geschäft, Politik und Glaube, als Ver­schmelzung von Wirtschafts‑, Außen‑ und Religionspolitik, als Staaten‑, Handels‑ und Kirchenbund. Sein Haupt ist eine überragende Persönlichkeit, ein einzig­artiger Organisator, ein »staatswissenschaftliches, künstlerisches und soziales Genie von religiöser Art, mit den Kräften der Geheimwissenschaften vertraut« (2. Thess. 2, 9).

3. Die religiöse Spitze. Der Antichrist selbst aber wird dadurch der »Wider«christ sein, daß er der »Lügen«christ ist (Matth. 24, 5). Er will Christus nicht nur verdrän­gen, sondern ersetzen. Er leugnet, was das Kulturelle be­trifft, durchaus nicht die allgemeinen Erwartungen, die die Christen an die Person Jesu von Nazareth knüpfen – im Ge­genteil, er geht davon aus und stützt sich auf sie –; doch bezeichnet er sich selber als ihre Erfüllung und will dadurch den wahren Christus überflüssig machen. Er bejaht also kulturell die Christusperson und ist darum der »Widersacher« (2. Thess. 2, 4) und »Gegen«christ.

So ist er für die Welt gewissermaßen ihr »Messias«, ihr »Kulturweltheiland«, ihr rettendes Haupt. Er stellt sich ihr dar als der Schwerpunkt ihrer Ordnung, der Mittelpunkt ihrer Hoffnung, der Zielpunkt ihrer Entwicklung.
Und der himmlischen Wahrheit, daß in Christus Gott  Mensch ge­worden ist, setzt er die dämonische Lüge entgegen, daß in ihm der Mensch Gott geworden sei (2. Thess. 2, 4).

So ist es eine Verdiesseitigung des Glaubens, eine Vermenschlichung des Gottbegriffes; und umgekehrt ist er eine Vergötterung des Men­schengeistes, ein An-sich-reißen der Gottgleichheit, ja, ein ?bertrumpfenwollen des Göttlichen und darum die vollen­dete Sünde.

Dies ist Teil 8 von 17 aus der Serie Religion, Politik und Wirtschaft
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