Ziele des Bloggens

Hartmut 5. April 2009 um 08:04 Uhr

Muss ein Blog ein Ziel haben?

Egal ob viele Besucher, viele Backlinks, gute Freundschaften oder einfach nur Spaß! Es gibt keine Vorgaben, welche den Inhalt betreffen, es muss nur zum Thema »Ziele« passen! Ihr müsst keinen Roman schreiben – das muss jeder selbst wissen – aber alles in zwei Zeilen zu packen, dürfte schwierig werden. 200 Wörter wären fein, muss aber nicht sein!

…und wahrscheinlich decken diese »Vorgaben« auch vieles von dem ab, was in verschiedenen Varianten des Ausdruckes genannt werden wird. Gelesen werden wollen, Verlinkt werden wollen (aber nicht gelinkt), Spaß haben wollen. Einige Blogger werden sich gar schwer tun, an den nahe gelegten Umfang von 200 Wörtern mit ihrem Text heran zu kommen, sie werden sich aber dennoch einen abschreiben, da sie sich davon zusätzliche Verlinkung versprechen. Und das kann ja sogar das Ziel eines Blogs sein… ;-)

Aber tatsächlich muss ein Blog gar kein Ziel haben. Die meisten deutschsprachigen Blogs haben denn auch kein erkennbares Ziel, sie sind mehr oder minder regelmäßig wachsende Sammlungen des Unwichtigen und Belanglosen. (Kurai wird mir in diesem Zusammenhang einen Link hoffentlich nicht verübeln.)

Und genau das ist gut. Es ist einer der Vorzüge einer jeden wirklichen Blogsoftware, dass man »einfach drauflos schreiben« kann, ohne schon vor dem ersten Text strategische Entscheidungen über Navigationsstruktur, Gliederung und Benutzerführung zu treffen, wie man dies mit jedem »ausgewachsenen« CMS tun müsste. (Ich weiß wirklich, wovon ich rede.) Diese Freiheit von strukturellen Lasten beim Schreiben führt zwar nicht gerade zu einer durchschaubaren und damit leserfreundlichen Anordnung der Inhalte, aber sie ermöglicht auch einem Menschen mit geringem technischen Verständnis die Mitteilung seines Lebens, seiner Betrachtungen, seiner Gedanken; und seien diese noch so trüb, sumpfig, spießig, medienbeherrscht, konsumgeil und öde.

Die strukturellen Mängel werden teilweise durch ein System der »Tags« und/oder Kategorien ausgeglichen, sehr viel mehr hilft aber die im Laufe der Jahre gewachsene Bedeutung der Suchmaschinen, die einen Großteil der Erstleser (und in der Regel auch nur einmaligen Leser) recht direkt zu den gesuchten und hoffentlich gewünschten Inhalten führen. Tatsächlich habe ich bei der Benutzung größerer Systeme immer wieder beim Blick in die Zugriffsstatistiken beobachten müssen, dass auch eine ausgeklügelte Struktur der Navigation von den allermeisten Lesern gar nicht verwendet wird, da Google ihnen den direkten Link liefert; regelmäßige Leser hingegen nehmen dankbar eine Übersicht der neuesten Inhalte an, die ja jedes Blog als primäre Funktion zu geben vermag. Diese Beobachtung ist einer der Gründe, warum ich mich inzwischen viel lieber in Form eines Blogs ausdrücke.

Mit dieser Eigenart des unstrukturierten Schreibens haben die Blogs gewissermaßen das ursprüngliche Versprechen des Internet erst wahr gemacht. Das Internet ist zu einem Ort geworden, an dem sich alle Menschen mitteilen können. Handelte es sich technisch im Prinzip schon immer um einen Verbund prinzipiell gleich berechtigter Rechner, so endete diese Gleichheit in der Regel an den verschiedenen Möglichkeiten und Kompetenzen ihrer Anwender.

Als ich vor einigen Jahren meine erste kleine Website baute, um ein paar Texte zu veröffentlichen, musste ich mich noch direkt mit der Auszeichnungssprache HTML auseinander setzen, um meine Inhalte ansprechend und navigierbar aufzubereiten. Viele Menschen, die sich damals auch hätten mitteilen wollen, wären gewiss an dieser Hürde gescheitert – mir machte es nur wenig aus, da ich von Anfang an als Programmierender an die Computer herangetreten bin. Heute kann sich jeder Mensch ohne besondere technische Voraussetzungen ein kostenloses Blog bei einem der vielen Bloghoster holen. Wer weiter gehende Ansprüche hat, besorgt sich einen preiswerten Webspace mit den entsprechenden Möglichkeiten und installiert sich ein fertiges Blogsystem; dieser Vorgang stellt auch keine großen technischen Ansprüche mehr. Das anschließende Sich-Mitteilen ist von der strukturlosen Leichtigkeit des Bloggens geprägt.

Natürlich wird bei solcher Leichtigkeit auch der Inhalt des Mitgeteilten oft etwas leicht. (Sogar bei mir ist das oft der Fall.) Führte früher die Beherrschung der technischen Grundlagen zur Teilhabe an einer »Elite«, die sich auch durchaus elitär gebärdete und vor allem Zeit beim Schreiben nahm; so muss der Blogger sich heute durch Inhalt von der vielfach stumpfen Masse absetzen. Die Menschen, die im Internet am lautesten über die »neue Beliebigkeit« klagen, sind auffallend häufig die Mitglieder der damaligen »Elite«, die immer noch nicht fassen können, dass heute kaum noch ein Mensch mehrere Tage an einer Mail schreibt.

Aber muss ein Blog ein Ziel haben?

Vielen Blogs, die mir über den Weg laufen, kann ich kein Ziel ansehen. Ihre Betreiber hatten vielleicht einmal ein Ziel, vielleicht sogar einen hohen Anspruch, aber das merkt man dem Blog nicht an. Manche sind dennoch lesenswert, die meisten nicht. Einige Blogs haben hohe und offenbar wohl formulierte Ziele, die jeder Leser diesen Blogs auch anmerkt – es handelt sich um die vielen politischen Blogs aus unterschiedlichen ideologischen Kontexten, um die vielen Blogs, die verschiedene Auswürfe des Journalismus kritisch und aufmerksam begleiten, um viele Versuche von Firmen, über Blogs Werbung zu transportieren oder Kundenbindung zu schaffen. Auch von diesen Blogs sind manche lesenswert, die meisten nicht. Was ändert sich an der Qualität, am Schönwert eines Blogs durch die Tatsache, dass beim Bloggen ein Ziel im Vordergrund oder auch nur im Hintergrund steht? In meinen Augen liegt dieser Unterschied im Bereich der außersinnlichen Wahrnehmung…

Was die Qualität eines Blogs ausmacht, ist die in jedem Posting durchschimmernde Persönlichkeit dessen, der da bloggt. Das Urteil darüber, wie es mit der Qualität meines Blogs aussieht, überlasse ich besser denen, die es lesen – jeder Schreibende ist verblendet genug, um sein eigenes Werk für großartig zu halten, da bilde auch ich keine Ausnahme.

Ich habe ein Ziel!

Dieses Ziel ist ein persönliches Ziel, ich denke dabei nicht an Leser. Tatsächlich bin ich erstaunt, dass ich Leser habe. In erster Linie handelt es sich bei meinem Bloggen an diesem Ort um einen Akt der psychischen Hygiene. Ich behalte das, was mich vergiftet, nicht in mir, sondern gebe ihm einen Ausdruck. Wer solch‹ Bild nicht zu eklig findet, mag dieses Bloggen mit einem Akt der Defäkation vergleichen. Es handelt sich beim hier gebloggten auch immer um »Verdautes«, niemals um »Erbrochenes«; ob das, was bei mir rauskommt, wirklich wertvoller ist als das, was in mich eingeht, das muss ebenfalls wieder der Leser entscheiden. Es ist in jedem Fall ungiftiger als die Zustände.

Aber mit diesem zunächst persönlichen Ziel geht noch eine weiter gehende Absicht einher. Ich bin mir genau darüber bewusst, dass das heutige Internet ein Ort geworden ist, der nicht schnell vergisst. Dieses Blog wird regelmäßig von Google besucht und damit dauerhaft archiviert. Es wird aber auch vielfach von Einzelpersonen in RSS-Readern archiviert und teilweise auch im Internet weiter publiziert. Ich weiß genau, dass der gegenwärtig über die Gesellschaften ablaufende Prozess nur wenig Spuren hinterlassen wird, die späteren Menschen beim rückblickenden Verständnis dieses Prozesses helfen können; mein bisschen Schreiben sehe ich dabei als Hilfe für die Menschen nach dem Zusammenbruch. Tatsächlich sehe ich die Möglichkeit klar vor Augen, dass auch die Gesamtheit meiner Texte beim bevor stehenden Zusammenbruch der gegenwärtigen Gesellschaftsform verschwinden wird. Es handelt sich um eine Flaschenpost in der Zeit, bei der nicht nur die Empfänger ungewiss sind, sondern auch völlig unklar ist, ob es überhaupt einen Empfang geben wird. Dennoch ist diese Flaschenpost meiner Meinung nach wichtig. (Schließlich habe ich mit meinem Leben Schiffbruch erlitten – und im Gegensatz zu dem meisten Zeitgenossen weiß ich es auch.)

Die meisten Menschen verdrängen das Maß der täglichen Entmenschung mit zäher Entschlossenheit, so dass es nur selten mitgeteilt oder gar fixiert wird; tatsächlich habe ich einmal von einer narkotisierten Gesellschaft gesprochen, in der Menschen sich mit allen Mitteln und immerfort steigenden Reizungen des Hirnes und Nervensystemes von der trüben Einsicht der Wirklichkeit abhalten wollen. Auch dem politisch motivierten Widerstand gegen den gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess – so nötig er auch ist – gelingt es in der Regel nicht, die völlige Entpolitisierung der Menschen zu erkennen, die unter den herrschenden Bedingungen längst auf eine Existenz als bloße Funktionseinheiten eingedampft sind.

Ich verstehe mich also hier in erster Linie als ein Archivar des konkreten Grauens – eine revolutionäre Absicht habe ich mit diesem Blog nicht.
Wahrscheinlich ist dieses ganze Archiv in nur zehn Jahren komplett vergessen, aber es war den Versuch wert. Allein wegen meiner persönlichen psychischen Hygiene.

Mit lieben Grüßen
Hartmut

Dies ist Teil 17 von 25 aus der Serie Über das Bloggen
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8 Kommentare zu “Ziele des Bloggens”

  1.  zaubi am 5. April 2009 um 10:43 Uhr

    Guten Morgen,

    nein, ich denke ein konkretes Ziel muss ein Blog nicht haben. Ich für meinen Teil bin auch so ein Blogger, der des Bloggens Willen das ganze betreibt. Ein konkretes Ziel verfolge ich damit nicht.
    Und wenn dein Blog dir dabei hilft, deine „persönliche Hygiene“ zu verfolgen, dann ist das doch gut. Alles was hilft ist gut!

  2.  maksi am 5. April 2009 um 13:24 Uhr

    Ich blogge mal so mal so. Meistens für mich und deshalb Sachen, die ich verarbeiten will/muss, also so eine Art Online-Tagebuch. Dann auch wieder Sachen, die ich festhalten und später wiederfinden möchte. Und ein kleiner Teil ist auch für andere (wie z. B. das Montagsrätsel) oder Links zu Seiten, die ich mit anderen teilen möchte.
    Mein Ziel ist nicht das A-Blogger-Dasein … ich blogge, weils mir Spaß macht.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Restsonntag.

    Maksi

  3.  Luigi am 5. April 2009 um 15:31 Uhr

    Ganz ehrlich? Das meiste deines Textes habe ich nicht verstanden, vor allem die letzten Abschnitte.

    Ob ich ein Ziel mit meinem Blog verfolge weiß ich gar nicht so genau. Wenn, dann ist es nicht finanzieller Natur sondern eher persönlicher. Ich habe mal geschrieben das das Grundrauschen in meinem Kopf abgenommen hat seitdem ich blogge. Oft ist es so das ich mir über manche Dinge erst klar werde nachdem ich über sie geschrieben habe. Also kann ich deinen Gedanken der Kopfhygiene sehr gut nachvollziehen.

    Sicher interessieren mich die Zugriffszahlen auf meinen Blog und ich lechze nach Kommentaren. Doch dies ist nicht der Grund warum ich meinen Blog betreibe. Er ist einfach Hobby und ein Weg um meine Gedanken zu ordnen, vor allem was Familie, Erziehung und das menschliche Miteinander angeht.

  4.  barbara am 5. April 2009 um 18:32 Uhr

    Ziel des Blogs muss sein, dass man gerne schreibt und wenn ich mal alt bin, kann ich recherchieren und nachvollziehen, was ‚damals‘ war;-) Mir macht es schon Spaß, wenn ich sehe, was vor einem Jahr war.

    Möchte mal wissen, wie das in 10–20 Jahren aussieht, ob es dann vielleicht etwas ganz anderes gibt?

  5.  J.A. am 6. April 2009 um 10:29 Uhr

    ..solange man kein Ziel haben will, ist das auch ein Ziel… aber grundsätzlich würde ich sagen: ja, es ist egal, das ist das Schöne am bloggen.

    Wenn man aber etwas bestimmtes erreichen will, dann geht es nicht ohne Ziele & Struktur!

  6.  J.A. Blog » Das Null-Kommentar Problem am 8. April 2009 um 12:46 Uhr

    [...] Medioman  schon treffend festgestellt hat, werden Blogs in Google gesucht und dann zielgerichtet Seite für Seite gelesen‑ eine [...]

  7.  GROO am 22. Mai 2009 um 19:51 Uhr

    nur so bloggen is doch am besten.
    ich würde draufgehen wenn ich jeden tag mir ein thema abringen müsste. das macht keinen sinn.

    da blogge ich doch was mir in den sinn kommt und wenn es jemand liest ok, wenn nicht is das genausogut :)

  8.  Hartmut am 23. Mai 2009 um 00:10 Uhr

    @GROO: Ja, Hallo erstmal!
    Lustig, dass du genau diesen Artikel gefunden hast, weil die gleiche Diskussion aktuell im Artikel Powerblogger geführt wird.
    Natürlich ist es kein Muss, jeden Tag zu bloggen. Das soll jeder für sich entscheiden. Mir fällt praktisch nahezu täglich ein Thema in den Schoss. Meist sogar genug Stoff für 10, aber ich setze mich ungern nur noch an den PC und blogge mir nen Wolf. Damit würde wahrscheinlich auch die Kreativität leiden und letztlich der Spaß. Es würde zum müssen müssen ausarten und genau dann ist er weg, der Spaß.
    Aber ich sehe, Du bloggst ja momentan auch täglich, also verstehen wir uns ja. Ich sehe auch, dass Du Dich genauso wenig festlegen lässt und einfach frisch von der Leber weg schreibst. Das ist das Beste, was Du machen kannst. Einfach laufen lassen.

    Danke nochmal für Deinen Kommentar und hoffentlich auf Bald
    Liebe Grüße
    Hartmut

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