Rollenspiele

marcella 7. Januar 2009 um 12:01 Uhr

Lange genug habe ich Rollen gespielt und bemerkte gar nicht, dass ich mit der Zeit eine perfekte Schauspielerin geworden war. Nicht das ich es mit Absicht tat, nein, die Menschen veranlassten mich dazu. Warum?
Immer wenn ich, ich war, wendete man sich von mir ab. Meistens passten den lieben Mitmenschen nicht meine Antworten, weil ich zu ihnen zu ehrlich war oder sie konnten ein Nein von mir nicht akzeptieren. Also fing ich mit der Zeit an, in Rollen zu schlüpfen, um es ja jedem recht zu machen und es klappte. Alle waren befriedigt und fühlten sich bestätigt, denn jeder bekam ja, was er hören wollte und selbst wenn es Lügengeschichten waren.

Ich wurde immer unglücklicher und wußte gar nicht richtig warum, aber ich spielte meine Rollen weiter. 
Kurz vor Weihnachten rief mich meine Schwester an und fragte mich: „Sag mal Marcella, ist dir schon einmal aufgefallen, dass wir nie so sein können wie wir selbst?“
Das genau, diese eine Frage von ihr, brachte mich aus dem Tiefschlaf heraus. Plötzlich erkannte ich, wie sehr man sich doch für andere Menschen verbiegen konnte. Teils um sich selbst ins rechte Licht zu rücken oder weil die lieben Menschen gar nicht die Wahrheit, sprich ihr eigenes Spiegelbild sehen wollten. Ihre eigenen Fehler!

Wir alle sind im laufe der Zeit perfekte Schauspieler geworden. Ob es im privaten oder im beruflichen Bereich ist, jeder spielt seine Rolle und das sehr gut. Warum eigendlich? Haben wir die Ehrlichkeit untereinander verloren oder brauchen wir die Lügengeschichten schon für unser Ego? Warum kann nicht jeder so sein wie er ist und seine eigenen Gedanken anderen gegenüber, ehrlich äußern? Im Prinzip sehnen wir uns doch alle nach der Wahrheit und vorallem wollen wir doch aus dem tiefsten Herzen heraus, so geliebt und respektiert werden wie Gott uns erschaffen hat.

Ich jedenfalls werde ab sofort, nur noch ich selbst sein. Ich lasse mich nicht mehr verbiegen, nur weil es andere so wollen oder mich nicht so akzeptieren können wie ich bin. Das muß auch keiner.
Ich will mir selber wieder ehrlich ins Gesicht schauen und stolz auf mich sein.
Für mich ist entgültig Schluß mit dem Rollenspiel!

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5 Kommentare zu “Rollenspiele”

  1.  Hartmut am 7. Januar 2009 um 13:07 Uhr

    Ist witzig, weil ich grade bei der Claudia einen Artikel über Kritik gelesen habe.

    Das hängt nämlich sehr damit zusammen, wie wir damit umgehen und wie ehrlich wir zu uns selbst sind. Wenn mir ein Mensch am Herzen liegt, dann merke ich doch, dass er mir auf Dauer eine Rolle vorspielt. Ich merke, wie er selbst immer unglücklicher und unzufriedener wird. Und dann fange ich genau da an, worüber du Dich beschwerst. Ich nörgele und kritisiere noch mehr. Genau das, was du mit deinem „perfekten“ Schauspiel vermeiden wolltest.

    Nee, liebe Marcella. Sei wie du bist, sei ehrlich zu dir und Deinen Gefühlen und wer Dich kennen lernt und schon kennt, der nimmt Dich, wie Du bist – oder lässt es.
    Ich bin lieber einsam und authentisch als mich für Freundschaften, die keine sind, zu verbiegen!

  2.  Julia am 7. Januar 2009 um 23:56 Uhr

    @ Marcella:

    In der Psychologie kennt man das Prinzip „Rollenspiel“ als eine Abwehrhaltung gegenüber Ängsten. Wer eine Rolle spielt, braucht einen Konflikt nicht auszutragen, sondern kann ihn in gesellschaftlich angemessener Weise sublimieren (ersetzen oder ausleben). Genau genommen besteht ein Großteil unserer „modernen“ Kultur daraus, Urtriebe und aggressive Verhaltensweisen von Menschen in ethisch wertvollere Dialoge umzusetzen. (“Kulturleistung“)

    Ich denke, es ist kaum möglich, den ganzen Tag immer ehrlich zu sein, auch wenn es ein edles Ziel ist‑ das letztendlich aus dem Über-Ich kommt und eine moralische Forderung darstellt, die wiederum nur ein Teil von uns ist. Reden alleine ist keine Wahrheit. Reden ist immer Formung und eine individuelle Anpassung an die Realität.

    Es gibt da so schöne Statistiken über die Anzahl der Lügen von Menschen pro Tag, im Schnitt sind es – soweit ich mich erinnern kann‑ über 100.

    Lügen erzeugen gesellschaftkonforme Dialoge und glätten die Kanten. Wenn sie zu stark werden, fangen sie an, weh zu tun und müssen irgendwie anders gelöst werden. Gerade wenn man zuviel „herunterschluckt“ oder ständig in der Defensive ist, kann das z.B. passieren.

    Aber wer hat schon immer die Kraft und die Möglichkeit, alles Gefühlte direkt anzusprechen und zu lösen? Manchmal ist es besser und leichter, zu schweigen und dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Oder man denkt über die eigenen Gefühle nach und versucht sie, auf gesunde Art und Weise auszudrücken. (z.B. mit Sport, Malen, Musik hören und ähnlichen Dingen)

    Ich bin mir sicher, dass es Millionen von Menschen in Deutschland gibt, die mit Frustrationen aller Art zu leben haben. Es gibt viele Möglichkeiten damit umzugehen, aber vielleicht ist Rollenspiel gar nicht mal die schlechteste? Man kann sich ausleben, neue Rollen ausprobieren.. letztendlich ist man fast gezwungen, irgendeine Rolle zu spielen, da man ja ein Akteur ist. Irgendeine Meinung muss man immer vertreten, sein oder spielen. Die Grenzen verwischen. Man kann auch in Spiele reingezogen werden. Sowas passiert im Grunde jedem, der viel mit anderen Menschen zu tun hat.

    Rollenspiele gehören für mich zum Mensch-Sein dazu. Selbst wenn ich versuche, neutral oder „ehrlich“ zu sein, ist mein Verhalten wiederum Ausdruck meines Charakters oder meiner Erfahrungen. Es wird nicht ohne eine Färbung gehen. Es sein denn, man schweigt. Und das wäre auf die Dauer wohl zu langweilig. ;-)

    Mein Vorschlag wäre also: Akzeptiere Deine Lieblings-Rolle, lass sie zu und leb sie aus. Leg diejenigen Seiten ab, die du nicht haben willst. Oder übersteigere sie und mach ein lustiges Spiel daraus. Je nachdem, wie es am besten passt und wie es sich am besten anfühlt.

    lg, Julia

  3.  marcella am 9. Januar 2009 um 16:27 Uhr

    Danke Julia, du weißt gar nicht, wie sehr du mir geholfen hast.
    Mich hat ein Satz von dir sehr zum Nachdenken angeregt. „Leg diejenigen Seiten ab, die du nicht haben willst.“ Deshalb antworte ich auch jetzt erst.
    Manchmal ist man einfach verpeilt und sieht das einfache nicht, aber jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Ich danke dir noch einmal von ganzem Herzen.
    Marcella

  4.  Leben und lernen am 9. Januar 2009 um 19:26 Uhr

    [...] zum Beispiel, hat mir nach meinem Artikel „Rollenspiele“ einen wichtigen Hinweis gegeben. Mein Text war zu gradlinig und ich bedachte nicht, was es [...]

  5.  Julia am 9. Januar 2009 um 21:05 Uhr

    @ Marcella: danke, du hast mir auch geholfen! Über Rollen denke ich viel und gerne nach, insofern war es ein schöner Anstoß. Im Moment erwische ich mich ständig vor dem Spiegel und probiere herum. Hoffentlich sieht mich keiner so! ;-)

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