Hartmut 22. Dezember 2009 um 11:12 Uhr
von Lars
Mein wunderschöner Sonntag fing morgens um 10 Uhr an. Ich drehte mich noch mal von einer Seite auf die andere. Ich freute mich riesig auf einen Tag im Bett, vor dem Computer und vor dem Fernseher. Einfach mal den ganzen Tag in meinen Schlafsachen in meiner Wohnung bleiben, und die Außenwelt mal Außenwelt sein lassen.
Auf einmal stellte ich fest, dass meine noch recht neue Freundin neben mir lag, und Sie sich sehr darauf freute, mit mir auf den Weihnachtsmarkt nach Düsseldorf zu fahren. Da ich es mir nicht gleich mit Ihr verscherzen wollte, war ich selbstverständlich hell auf begeistert und freute mich ebenso sehr wie Sie darauf.
Trotz meiner mittlerweile ziemlich starken Rückenschmerzen von letzter Nacht, quälte ich mich gegen 11 Uhr aus dem Bett, und stellte voller Begeisterung fest, dass die Erde in dieser einen Nacht die Gestalt des Nordpols annahm, und sich in einem wundervollen Weiß gefärbt hatte. Ich wollte gerade raus rennen und einen Schneemann bauen, Schneeengel in den Schnee stempeln, meinen Namen in den Schnee pinkeln, aber meine Rückenschmerzen machten mit einen Strich durch die Rechnung.
Ich war fester Überzeugung mein Bett-Tag sei gerettet! Pustekuchen! Meine Freundin rief gleich Ihre beste Freundin an, und erzählte ich wie toll es doch sei, im Schnee auf dem Weihnachtsmarkt herumzustiefeln und Glühwein zu schlabbern. Ihre beste Freundin stimmte Ihr zu, und beschloss sich mit uns um 16 Uhr am Bahnhof zu treffen.
Auf diesen Schreck bestellte ich mir gleich meine Frühstückspizza und musste die aktuelle Situation erst einmal verarbeiten. Mit vollem Magen lässt es sich sicher besser aushalten schoss mir sofort durch den Kopf. Es wird bestimmt ein Aspekt geben, Sie von Ihrem Vorhaben abzuhalten. Natürlich gab es den nicht!
Wie abgesprochen machten wir uns also bei –10 Grad Celsius auf den Weg zum Bahnhof, wofür ich wegen meiner Faulheit natürlich mein mit Sommerreifen ausgestattetes Auto nahm. Von der Idee das Auto für eine Strecke von 10 km zu nehmen, war meine Freundin natürlich nicht begeistert, aber soviel Stolz musste sein, dass ich mich von diesem Plan, mein Plan, nicht aufhalten lasse würde.
Mit 20 km/h schlichen wir zum Bahnhof, weil der Winterdienst natürlich noch nicht die Nebenstraßen abfuhr, um dort für ein reibungsloses Durchkommen zu sorgen. Sicher am Bahnhof angekommen kam auch gleich die Bahn nach Düsseldorf. Der tolle Tag konnte also losgehen. Langsam kam selbst in mir ein wenig Freude auf, was den Tag natürlich umso besser aushalten lassen würde.
In der Bahn trafen wir dann die beste Freundin meiner Freundin und Ihren Freund, der uns auf Anhieb erzählte, dass aufgrund der Wetterlage sämtliche Bahnen mit Verspätung eintreffen würden, oder gar ausfallen! Taxen würden ebenfalls nicht fahren. Fantastisch dachte ich! Da konnte ich ja von Glück behaupten, dass unsere Bahn nach Plan fuhr. Was die ganze Situation für spätere Auswirkungen haben wird, das war mir in diesem Moment völlig unklar und auch egal.
20 Minuten später trafen wir auf dem Weihnachtsmarkt ein. Ein stink normaler Weihnachtsmarkt: Fressbuden, Glühweinstände, Bastel‑ und Kerzenstände. Ein herrlicher Tag: fröhliche Gesichter, spielende Kinder im Schnee, weihnachtlicher Duft in der Luft und leere Glühweinstände.
Um meine mittlerweile eingefrorenen und nassen Füße zu verdrängen, zog ich mir erstmal einen heißen Glühwein mit Schuss rein. Innerlich aufgewärmt ging es weiter und wir gingen eine Runde über den Markt. Blöd nur, dass ich allmälig völlig eingeschneit war, und der Schnee anfing auf meinem mit Glühwein erwärmten Körper zu schmelzen. Meine Laune sank sprungartig in den Keller, als ein Fahrradfahrer vor mir durch eine Pfütze fuhr, und mein Unterkörper damit komplett einnässte. Es dauerte nicht lange und ich fing an, mir meinen Arsch ab zu frieren und ich wünschte mir tatsächlich schon sowas wie Thermounterwäsche her.
Als ich meine ich meine ersehnte Dampfnudel aufgegessen hatte, wollte ich schleunigst nach Hause, auch wenn das nach 1 Stunde Aufenthalt auf dem Weihnachtsmarkt nicht unbedingt angebracht wäre. Da mir mittlerweile aber so kalt war, dass ich ernsthaft befürchtete, mir würden sämtliche Zehen abfrieren und absterben, war mir ab hier alles egal! Ich nahm meine Freundin und machte mich auf den Rückweg zum Bahnhof, um Heimreise anzutreten. Nach etwa 30 Minuten Verspätung, und dadurch weiteren 30 Minuten in der Kälte stehen und frieren, kam endlich der Zug. Noch nie in meinem Leben hab ich mich so sehr gefreut, in einen völlig überfüllten Zug zu steigen, um damit nach Hause zu fahren.
Ich wärmte mich in dem Zug etwas auf, und meine Laune stieg langsam wieder nach oben. 2 Haltestellen vor dem Ziel war meine Laune sogar fast auf demselben Stand, wie heute Morgen nach dem Aufstehen. Plötzlich ein Piepen, eine Durchsage vom Bahnfahrer: Ich konnte und wollte es nicht glauben, was er in diesem Moment durchsagte: Aufgrund der Unwetter seien die Schienen ab hier gesperrt! Kein Weiterkommen möglich. Es gäbe nur noch eine Möglichkeit an unser Ziel zu kommen: Aussteigen, auf die nächste Bahn warten und zurück zum Hauptbahnhof, dort in eine andere Bahn steigen, die uns dann endlich an unser Ziel bringen würde…
In diesem Moment wurde mir eines klar: Ich habe 2 Möglichkeiten: Entweder ich sterbe hier und jetzt in dem Zug, oder ich renne nach vorne zu dem Bahnfahrer, und bedrohe ihn und zwinge ihn die letzten 2 Haltestellen noch weiterzufahren. Die erste Möglichkeit schloss ich zunächst aus, und entschied mich für die zweite. Leider wurde mir die zweite Möglichkeit nicht gegeben, da ich gerade ausgestiegen war, und mich auf den Weg nach vorne zum Führerhaus machte, und dieser nach einem Sturz in den Schnee nicht mehr zu erreichen war.
Um mir die bevorstehende Wartezeit etwas zu verkürzen, beschloss ich, die ebenfalls wartenden Passanten mit Schneebällen zu bewerfen. Da die Dreistigkeit wie man weiß meist siegt, beschwerte sich keine Menschenseele über mein Verhalten, sondern wichen meinen Bällen einfach nur aus. Nach einigen Würfen bereitete meine Freundin meinem Spaß ein Ende.
Nach weiteren 60 Minuten Warten und Frieren kam endlich der Zug zurück nach Nirgendwo. Mein Körper war bereits so sehr unterkühlt, dass sich meine Haut langsam bläulich färbte. Meine Angst sämtliche Körperteile zu verlieren wurde immer größer, und langsam begriff ich, dass diese Angst gar nicht mal so unberechtigt war. Ich fing nach mehreren Jahren Pause tatsächlich an zu Beten, und bat Gott darum, mich schleunigst an einen warmen Ort zu bringen. Natürlich kann sich jeder vorstellen, dass meine Gebete nicht erhört wurden sind. Warum auch? Wenn man das letzte Mal gebetet hat, als man von Mama gezwungen wurde, warum sollte dieses eine Gebet erhört werden?
Zurück am Hauptbahnhof: Chaos! Wo man hinschaute verwirrte Menschen, ja sogar weinende Menschen! Für diesen einen Moment dachte ich tatsächlich, ich spiele die Hauptrolle in einem schlechten Steven King Film. Dies war leider nicht der Fall, da man in einem Film immer noch auf ein Happy End hoffen kann, was in meinem Fall definitiv nicht der Fall war. Nachdem ich mir einen völlig überteuerten Kaffee mit zitternden Händen einwarf, färbten sich zumindest meine Lippen wieder ein wenig in den normalen Naturgewollten Zustand. Ein wenig Hoffnung bestand. Zunächst!
Als ich mich traute mal an die Tafel zu schauen, auf der die Abfahrtszeiten der Züge eingefangen werden konnten, wollte ich das zweite Mal an diesem Tag auf Anhieb sterben! Ich meine Gut, für manche wären die 2 Stunden Wartezeit ein leichtes, da ja vor der Tür noch der Weihnachtsmarkt im Gange war, aber für mich war das die Einladung in die Hölle, die ich gezwungener Maßen dankend annahm, wobei die Hölle aufgrund der dort herrschenden Temperaturen wahrscheinlich in diesem Moment mein Paradies gewesen wäre!
Natürlich konnte ich mich glücklich schätzen, in einem überdachten, nach Fäkalien stinkenden Bahnhof zu stehen, aber ich hätte mir weiß Gott etwas Besseres vorstellen können. Was das gewesen wäre, da brauche ich nicht näher drauf einzugehen, weil sich sicher jeder vorstellen kann, dass das fast alles wäre, außer Nachts klitsch Nass und halb erfroren am Bahnhof zu stehen, um auf den Zug zu warten, der in nächster Zeit nicht eintreffen würde. Diese Vorstellung, zu wissen, es wird noch mindestens 2 Stunden dauern, bevor man seinem Zuhause ein Stück näher kommt, ließ meine Zehnägel nach oben Rollen.
Meine diesmalige Wartezeit verbrauchte ich damit, mir weitere 3 Kaffees rein zu kippen, und völlig verwirrt den Bahnhof auf und ab zu laufen. Mit meiner Freundin tauschte ich mittlerweile kein Wort mehr aus. Als ich endlich die Durchsage hörte dass der Zug nach 30 Minuten Verspätung endlich eintreffen würde, brach ich in Tränen aus und umarmte eine Wildfremde Frau, die mir daraufhin eine wohltuende Backpfeife verpasste. Ich merkte wie das Blut in mein Gesicht gepumpt wurde, es ließ mein Gesicht für eine kurze Zeit erwärmen.
Nun saßen wir um ca. 01:30 Uhr in dem Zug, der uns sicher an den Bahnhof brauchte, wo mein Auto geparkt war. Ich war überglücklich und auf einmal war mir für eine kurze Zeit alles egal, mir war egal dass ich die größte Zeit des Tages mit Warten verbrauchte, mir war egal dass ich den halben Tag mit nassen Sachen herumlief, und diese bereits so hart waren, weil sie komplett gefroren waren. All das war mir völlig egal geworden! Bis ich in meinem Auto saß, und mir schnell klar wurde, dass die Nacht nicht schon ein Ende gefunden hat…
Auf dem Weg von dem Bahnhof zu meinem Auto ist mir überhaupt nicht aufgefallen, dass die Straßen mittlerweile so eingeschneit waren, dass dort ein Durchkommen höchst wahrscheinlich unmöglich sei.
Ich stellte die Sitzheizung meines Autos auf höchste Stufe ein, um meine Hose aufzutauen, in der Hoffnung, mein Bestes Stück würde bald wieder aus seinem Versteck, dem Bauchinnenraum, herauskommen. Mir wurde schnell klar, dass das kontinuierliche Gas geben kaum Wirkung zeigte. Mein Tachostand zeigte schon eine Geschwindigkeit von 45 km/h an, aber meine Umwelt rauschte diesmal nicht an mir vorbei, wie ich es sonst beim Autofahren gewohnt war. Ich musste einsehen, dass ich mit dem Auto fest steckte. Und es erschien mir so lächerlich, dass ich kurz drüber schmunzelte. Das Schmunzeln wurde jedoch schnell von einem Hass‑ und Aussichtslosen Gefühl abgelöst, und verschwand völlig.
Nach 10 Minuten hemmungslosen Gas geben, sah ich ein, dass das keinen Sinn mehr machen wird. Ich stieg aus dem Auto aus, und versuchte das Auto mit Hand etwas aus der Parklücke herauszuziehen, was sich natürlich als völlig sinnlos herausstellte. Ich kam auf die Idee, den ca. 20 cm. hohen Schnee der sich um das Auto gelegt hatte, wegzuschippen. Nach kurzem schippen mit der Hand hatte ich diese bald schon nicht mehr gespürt, und das Ergebnis war eher Lachhaft als Bewundernswert.
Da kam mir plötzlich die glorreiche Idee, an der 7 km entfernten 24h Tankstelle eine Schneeschaufel zu kaufen. Gesagt, getan: Meine Freundin blieb natürlich bei laufendem Motor auf der Sitzheizung sitzen, um auf mich zu warten. Bereits nach 1 Stunde, kam ich völlig verschwitzt und aufgewärmt von meinem kleinen Marathon Lauf mit der Schaufel zurück, um gleich anzufangen das Auto frei zu schaufeln. Mein schöner warmer Schweiß fing plötzlich an, sich sprungartig abzukühlen. Meine aufgetaute Hose war auch schon wieder gefroren, samt allem was sich darunter befand.
Meine Schaufelaktion fand etwa 30 Minuten später ein Ende. Ich hatte es verdammt noch mal geschafft. Ich stieg ins Auto ein, fuhr los und freute mir ein zweites Loch in meinen eingefrorenen Arsch! Mit Schneckentempo ging es zu meiner Freundin, die darauf bestand, dass Auto bei Ihr abzustellen, und die Nacht gemeinsam ausklingen zu lassen. Ich schaute auf die Uhr die mittlerweile 07:00 Uhr anzeigte. Ich setzte Sie bei Ihr Zuhause ab, fuhr ohne ein Wort zu verlieren nach Hause, setzte mich 1 Stunde vor meinen ersehnten Computer um dann nackt auf der Tastatur einzupennen!
Was für ein scheiß Tag!
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