Hartmut 14. August 2009 um 22:08 Uhr
Hier Papa Ⅱ
Ich hatte keine schlechte Kindheit. Meine Mutter war immer für mich da und ansonsten mangelte es mir an nichts.
Erst als ein neuer Vater in mein Leben trat, wurde es mir bewusst, dass es wohl ein Gegenstück zu meiner Mutter geben musste. Wie alt war ich da? 6 Jahre!
Ein kleiner Mann auf der Suche nach Identität!
Quatsch! Ein Kind, dass nach der Aufmerksamkeit seiner Mutter rang. Und da kam er plötzlich, ein Eindringling, einer, der die mir so vertraute Zweisamkeit mit meiner Mutter störte.
„Er ist nur ein Freund“, „Er ist mein Freund“, “ Er kommt jetzt öfters“, „Er hat Familie“, „Deshalb muss er oft weg“, „Er meint es nicht böse“, „Das warten lohnt sich.“
Mir doch egal! Da trat nach langen Jahren ein Mann in mein Leben, der sich mir als sein Papa anbot und er kam und ging, wie er es wollte. Ich litt und wollte ihn doch akzeptieren. Ich wollte meine Mutter beschützen, die auf mich einredete, alles wird gut, alles geschieht zu deinem Besten.
Ich konnte es noch nicht einschätzen, dass er ging und kam, weil er eine zweite Familie hatte, eine Ehefrau, eine Tochter, eine Verpflichtung.
Und trotzdem kam es, dass er bei mir – meiner Mutter ein und aus ging. Neben seinem Job, neben seiner Familie, neben seiner Geliebten, neben seinem „Sohn“ war er auch noch Alkoholiker.
Alles bekam er auf die Reihe. Prägte mich das? Ein toller Hirsch, ein echter Schaffer, einer, der zwei Frauen glücklich macht, zwei Kinder – unterschiedlicher und nicht voneinander wissend – erziehender, gutmütiger und fürsorglicher Vater?
Mein prägender Vater zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr war also Reinhold. Verheiratet und trotzdem immer frisch geduscht und adrett gekleidet pünktlich zum Abendessen vor der Haustür wartend, um Einlass bittend und fragend: „Wann steht das Mittag‑/Abendessen auf dem Tisch?
Reinhold war Alkoholiker, er trank sich zu nichte, ich sah, wie er verblasse, wie er zusammen fiel, ich musste als Kind ihn bei jeder Streitigkeit mit Muttern aus der Kneipe holen, obwohl ich begann ihn zu hassen!
Und eines Tages, starb er!
Er nahm sich sein jämmerliches Leben, erhängte sich im Heizungskeller, gefunden von seiner leiblichen Tochter.
Er hatte genug Suff im Blut, der ihn allein deswegen getötet hätte.
Er tötete sich selbst, weil er am Tage im Vollrausch mit dem Dienstwagen in Schlangenlinie mehrere Fahrzeuge rammte und ihm sein Chef über den AB seine fristlose Entlassung mitteilte.
Vielleicht tötete er sich auch, weil meine Mutter nach all den Jahren und dem ewigen Frust, ob er kommt, wie er kommt, ob besoffen oder angetrunken, vielleicht doch nahe dran war, Schluss zu machen.
Vielleicht tötete er sich, weil seine Ehefrau das ewige betrügen nicht mehr ertragen konnte.
Wie auch immer, ich wurde mit meinen 14 Jahren zur Beerdigung geschickt, musste mich den vorwurfsvollen Blicken der „echten“ Familie aussetzen und durfte mir zur depressiven Grundstimmung noch die Worte des katholischen Pfarrers anhören:
Dieser ließ kein gutes Haar an Reinhold.
Der Freitod in der katholischen Kirche kommt einer Todsünde gleich. Ewiges Schmachten im Fegefeuer, barfuß wandeln in der Hölle usw.
Er tötete Reinhold ein zweites Mal und ich hasste diesen Pfaffen für seine fiesen Worte und danach hasste ich meine Mutter, die wegen ihrer persönlichen Trauer zu Hause blieb, anstatt mich zur Beerdigung zu schicken und selbst anständig Abschied zu nehmen.
So war meine Jugend, so erlebte ich ein Vaterbild und so jammere ich einem hinter her, der nicht mein Vater war, nie gewesen war, den ich zunächst nicht mochte, weil er mir meine Mutter nahm und als ich ihn endlich akzeptierte, meine Mutter nie gut behandelte und letztlich final – für Null und auf Wiedersehen – aus meinem Lebern verschwand.
Fazit:
Ich weiß ehrlich, was in Euch, liebe Kinder, liebe Frau, vorgeht und ich habe Angst, dass ich genau so werde oder dass ich versage, aber trotzdem und vor allem, werde ich euch immer lieben!
Warum ich das Schreibe:
Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich hatte viele andere Blog-Einträge vor, aber ich wurde heute den halben Tag, auch nach dem gestrigen Erlebnis auf dem Kinderspielplatz immer wieder an mich, an meinen leiblichen Vater und an mein Verständnis zur „Vaterrolle“ erinnert.
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Tags: Alkohol, Hartmuts Gedanken, Papa, Tod