Der Kuss
Hartmut 31. Juli 2007
„Wie hübsch sie ist“, dachte er. Die Regentropfen der Windschutzscheibe spiegelten sich in ihrem Gesicht. Tanzten auf der Kontur und bildeten ständig wechselnde neue Gebilde auf ihrer Haut. Immer wieder lächelte sie zurück, aber sie musste sich konzentrieren. Es war dunkel und es regnete.
Er war so glücklich, als sie hielt.
Er hatte es einfach mal probiert. Hielt seinen Daumen an der Haltestelle der selten befahrenen Landstraße heraus. Er war zu spät und er wusste, wenn er heimkam, würde er seine Strafe bekommen. Seine Eltern sorgten sich um ihn. Da hatte er die Gelegenheit, endlich beweisen zu dürfen, dass er seine Pflicht kannte, versprach die feste Uhrzeit, pünktlich nach Hause zurückzukehren und verpatzte diese Chance.
Und doch konnte er sich noch nicht mit dem sich unweigerlich anbahnenden Augenblick befassen. Er dachte nur an sie. Wie hübsch sie doch ist. Wie gut sie riecht. Wie sich ihr Körper gegen die wechselnden Lichtreflexe, von Licht und Schatten abhebt. Wie sie atmet, wie sie ihn fast schon fordernd anschaut.
„Küss mich endlich“, dachte sie. „Küss mich mit der Leidenschaft, die in deinen Augen lodert. Nimm mich mit dem Verlangen des ersten Males. Du begehrst mich und ich lasse es zu. Ich rieche Deine Gier nach meinem Körper und ich will es. Ich halte an und wir lassen unserer Liebe freien Lauf. Keine Ängste, keine Verklemmtheit. Einfach der Wahnsinn der menschlichen Lust.“
„Halt!“, dachte er. „Sie könnte deine Mutter sein!“, „Halt!“, dachte sie. „Er könnte dein Sohn sein!“
Wie aus einem Guss hielten beide inne. Waren plötzlich befangen. Resignierend lächelten sie sich weiter zu und jeder wusste, dieser kurze Moment hatte sie verändert. Wie eine Narbe im Herzen, tief in die Seele gebrannt, dieser Augenblick.
Leidenschaft und Scham, Gier und Liebe, Verlangen und Peinlichkeit. Alles in einem Bruchteil von Sekunden würde sie ihrer beider Leben lang begleiten. Auch Jahre später würden sie träumen, erschrecken und erwachen.
Sie waren da. Mit einem Nicken bedankte er sich für die Heimfahrt. Ohne ein weiteres Wort stieg er aus dem Wagen, klappte die Fahrertür zu und ging heim. Er drehte sich nicht mehr um und er hörte, wie das Surren des Motors leiser wurde und schließlich in der Dunkelheit verschwand.