Du bist so groß
Hartmut 21. September 2009 um 20:09 Uhr
Du bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin,
wenn ich mich nur in deine Nähe stelle.
Du bist so dunkel; meine kleine Helle
an deinem Saum hat keinen Sinn.
Dein Wille geht wie eine Welle
und jeder Tag ertrinkt darin.
Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
und steht vor dir wie aller Engel größter:
ein fremder, bleicher und noch unerlöster,
und hält dir seine Flügel hin.
Er will nicht mehr den uferlosen Flug,
an dem die Monde blass vorüberschwammen,
und von den Welten weiß er längst genug.
Mit seinen Flügeln will er wie mit Flammen
vor deinem schattigen Gesichte stehn
und will bei ihrem weißen Scheine sehn,
ob deine grauen Brauen ihn verdammen.
Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf
Klein und hell, das Gesicht hoffend gehoben, trat er vor das Antlitz seines Herrn. „Ich bitte um Gerechtigkeit, Gnade und Erlösung.“ flüsterte er. Sein Herr schwieg, schien sein Verlangen abzuwägen. Äonen vergingen. Erneut flehte er „HERR, ich bitte Euch in aller Demut, nehmt meine Flügel, schenkt mir Freiheit. Eure Welt reißt an mir, frisst mich auf, ich kann nicht mehr entscheiden zwischen richtig und falsch. Orientierungslos bin ich kaum mehr fähig für Euch zu Streiten.“ Da schlug der Wille des HERRN wie eine Welle über ihm zusammen und ließ ihn das Knie beugen.
Zerstört und unerlöst lautete darauf seine karge Antwort „DEIN Wille geschehe.“
Dank an fgr
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