Hartmut 15. Mai 2008
Wie einfach es doch ist, einen Menschen aus dem Gedächtnis zu streichen. Ihn nicht zu verdrängen, sondern ihn einfach zu vergessen. Und das noch zu seinen Lebzeiten.
Obgleich wir ihm unser Leben verdanken oder es ihm vorwerfen, uns in die Welt geboren zu haben. Aus Pflicht, Ehre oder Stolz, aus kindlicher Naivität, aus der Unwissenheit heraus, dass wir nicht müssen, wenn wir nicht wollen, so lieben wir diesen Menschen.
Mit blindem Vertrauen hängen wir an seinen Lippen, übernehmen seine Mimik, Gestik, seine Gedanken, sein Wesen.
Wir werden geprägt und gebeugt. Gerügt und gelobt. Gestreichelt und Getreten.
Am Montag verließ ich den Garten meiner Mutter. Dort hatte ich zuvor von den letzten 10 7 Tage im Garten verbracht. Hautnah mit meiner Mutter.
Mit voller Wucht trafen zwei Welten aufeinander.
Denn ich bin nur noch in den Augen meiner Mutter das Kleinkind, dass sich dort auf ihre runde Gartenbank, vor den simplen Klapptisch setzt und sich all ihrer nutzlosen, verworrenen Gedanken, ihren feinen Stichen gegen alles und jeden – nur nicht gegen sich selbst – aussetzt, ihre fiesen Gemeinheiten, ihre polemische Sicht auf die Lage der Nation unweigerlich hinnimmt und sich Manipulieren lässt, bei jeder Lästerei gegen Lebensgefährten, Freunde und Familie klatschend in die Höhe springt.
So ist ihre fiese, kleine Welt, alles und jeden mit bösen Worten zu malträtieren und sich selbst auf ein hohes Ross zu setzen.
Längst meint sie, ein Alter erreicht zu haben, in dem man sie nicht mehr kritisieren darf, wo ihre Meinung gleichbedeutend mit einem Gesetz scheint.
Attacke auf Attacke. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Und so sass ich da, gepeinigt von ihren Worten, frustriert, mich weder wehren zu können noch zu dürfen.
Bis mir halt der Kragen platzte. Und so sitze ich hier nun, seit Tagen, seit Montag, frustriert, gebremst.
Kein Frust, kein wie sonst gewohnt bohrender Weltschmerz, keine Depression, einfach die Lust, dieses tratschende un‑ und selbstgerechte Weib nicht mehr kennen zu wollen.
Meine eigene Mutter. Wie krass.
Diese Frau, die mich durch so viele Höhen und Tiefen begleitet hat.
Sie hat mich nicht enttäuscht. Denn sie ist so wie sie ist.
Vielleicht nicht ganz, weil auch sie wieder viel zu gern Alkohol zu sich nimmt und bekanntermaßen hat dieser eine Wirkung, Hemmschwellen herabzusetzen und ein alkoholisierter Mensch ist gegenüber nüchternen Menschen in der Wahrnehmung und Empfindung völlig anders.
Ich trinke auch, aber ich wage es seit Jahren nicht mehr, in Gegenwart meiner Mutter zu trinken.
Sie tut es (wieder). Sie hatte einen Kollaps, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Hatte dem Suff abgeschworen und wurde ein feinfühliger, sensibler Mensch. Die letzten Monate steigerte sie ihren Konsum über die lockere Flasche Rosé bis jetzt zur heutigen putzigen mindestens halben Flasche Mümmelmann (Kräuterlikör von Aldi).
Sie merkt den Unterschied nicht.
Der Kiffer und Drogensüchtige merkt seine Veränderung auch eher selten, besonders in der Zeit, in der er sich selbst noch betrügt.
„Ist ja alles halb so schlimm“, „ich habe doch alles im Griff“, „übertreib mal nicht“, „das kleine Schnäpschen schadet doch nicht.“
Und doch ist es der Suff, besonders der, den jetzt meine Mutter sogar heimlich (wenn sie meint, unbeobachtet zu sein, sich mal zwischendurch einpfeift, und wenn sie erwischt wird, mit einem lustigen Spruch abtut).
Und genau dieser Suff hat wieder ihre Persönlichkeit im Griff, sie verletzt und tut weh. Sie tat mir weh und ich will das nicht mehr.
Meine Freundin kann ein Lied davon singen, wie sensibel ich reagiere, wenn mir weh getan wird.
Und ich will das auch nicht mehr.
Ich meine die rein verletzenden Worte, diese Art der Respektlosigkeit über andere Menschen, sogar seine engsten Freunde, Lebensgefährten und Familie zu reden. Sogar egal, ob sie anwesend sind oder nicht. Jeder Spruch, den ich mir einfange von Menschen, denen ich vertraue, ist ein brutaler Messerstich, eine schwere Verletzung. Ich schrieb hier im Blog oft genug über dieses Thema.
[audio:http://www.medioman.de/media/confusion.mp3]
Wenn ich mich jetzt zurückziehe und meine Wunden lecke, die mir meine eigene Mutter zufügte, dann mach ich das mit voller Absicht.
Ich habe gelernt, mich selbst zu reflektieren, zu erkennen, wie nah ich an dem bin, was mich da verzweifeln lässt.
Wie sehr ich selbst bin, wie das, was ich bei meiner Mutter nicht leiden kann.
Ich bin selbst sehr, sehr locker mit meinen Sprüchen, kann nach wie vor sehr verletztend sein und merke oft genug, dass ich übers Ziel hinausschoss. Ziehe mich dann lieber zurück oder trete sogar noch nach, um der Freundschaft den Todesstoss zu geben, damit der feinfühlige Gegenüber von mir nicht wieder von mir verletzt werden kann.
Ich habe echt schwere Ängste genau so zu werden, wie meine Mutter und doch bin ich auf dem besten Wege dahin.
Auch ich trinke gerne einen über den Durst, auch ich verletze und die sogenannte selbstgerechte Gerechtigkeit, dem Spruch „das ist aber unfair“, kann ich mir selbst nicht abgewöhnen.
Abkapseln von der dominanten Mutter, wie soll das gehen?
Ich bin 42 Jahre, habe jetzt Familie, sitze in meinem eigenen Schlamassel und lasse mich von wem auch immer bevormunden?
Muss das sein?
In meinem individuellem Falle schon?
Nur, weil ich mir selbst nicht mehr traue?
Vor meiner Selbst Angst habe?
Ich ein Junkie und Drogenabhängiger bin?
Fresssucht und Todessehnsucht mein Leben prägen?
Ich bin 42 Jahre, ich habe jetzt Familie und will es mal wieder probieren.
Auf die Schnauze fallen habe ich gelernt, auch aufzustehen, meine Existenz, Frau und Kind zu verlieren, alles kenne ich, warum nicht noch einmal?
Wenn ich das Risiko scheue, dann scheue ich mein Leben. Ich will das nicht mehr!
Ich will nicht mehr vergessen, ich will keinen verleumden!
Nicht meine Mutter!
Ich scheue mich nicht vor Konfrontation und ich scheue mich auch nicht vor ihrem Alter.
Seitdem ich sie kenne, lagen schlappe 28 Jahre zwischen uns.
War ich 10 war sie 38, war ich 20, war sie 48 usw.
Wie altern zusammen. Wir reifen zusammen.
Und ich lasse mich mit 42, nur weil sie jetzt 70 ist, nicht mehr zum Kleinkind machen.
Das wird sich gewaltig ändern, daran werde ich arbeiten.
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