Hartmut 4. Mai 2009
Wie ich vor kurzem schrieb, fühle ich mich momentan überhaupt nicht wohl, wenn ich mich vor den PC setze und meinen Browser öffne. Im Prinzip geht es mir so seit der “Herz für Blogger” Aktion. Mein Feed-Reader hat sich von knapp 15 auf fast 100 Blogs erweitert. Das könnte natürlich als Positiv im Sinne der Aktion betrachtet werden. Auch hat sich die Zahl der Twitter-Bekanntschaften seither um ein Vielfaches erhöht.
Aber genau das, was ich bereits vorher andeutete, ist auch eingetreten: Ich leide an extremer Reizüberflutung. Ich leide an der Menge der Informationen und der Menge der einzelnen Selbstdarstellungen. Damit geht noch ein ganzer Fuchsschwanz weiterer Nebeneffekte einher:
Blogger schreiben übers Bloggen
Ohja, auch ich tat das und zwar nicht zu knapp. Eine eigene Serie habe ich daraus gemacht und komme mittlerweile auf 25 Artikel. Für mich ist alles gesagt. Aber ich verstehe es immer, wenn der Mensch, der bloggt – übrigens genau deshalb heißt der Blog für mich auch der und nicht das Blog, weil es auch der Mensch heißt – sich immer wieder für sich seine Ziele und seine Motivationen in einem eigenen Artikel festlegt. Für mich bedeutet das aber, dass ich immer und immer wieder das Gleiche lese, denn letztlich kommen wir ja alle zu dem gleichen Schluss: Bloggen soll Spaß machen!
Blogger schreiben über Statistiken
Möglicherweise haben sich bei dem einen oder anderen durch diese Aktion die Besucherzahlen erhöht. Möglicherweise auch die der Feed-Abonnenten. Und bei vielen hat das zu einem auf und jetzt vielleicht wieder zu einem ab geführt. So lese ich nur noch von Statistiken. Und von gestiegenen aber vor Allem von gesunkenen Zahlen, von Problemen mit Feedburner und aufgeblähten Quellcodes. Ich gebe mal zu bedenken, dass das alles Jammern auf niedrigstem Niveau ist. Ich meine, es geht hier um Besucherzahlen zwischen einem (ja, nur der Blogbetreiber allein) und etwa 10000. Das Gros liegt wohl irgendwo bei weit unter 500 Besuchern am Tag. Für mich ist das alles Kokolores, das ist im Vergleich zu den großen Webseiten geradezu lächerlich und ehrlich, mich interessiert das zwar für mich persönlich, aber niemals einfach so als eigener Artikel. Es langweilt einfach!
Blogger machen Aktionen
Ich glaube, die sehr erfolgreichen Blogparaden der Sammelkarten und dem Herz f. Blogger haben eine neue Art des Drangs nach mehr Aufmerksamkeit hervorgebracht. Statt wie früher harmlose Stöckchen zu verteilen, wurden kurz hintereinander diverse Foto-Aktionen und weitere neue Paraden gestartet. Ich muss sagen, das geht mir zu schnell. Ich fühle mich wie in einem Pauschalurlaub, in dem mich diverse Animateure ständig beschäftigen wollen. Daher nehme ich daran auch nicht weiter teil.
Blogger als Community
Das wollen sie also, eine Gemeinschaft. Jeder schreit nach Kommentaren, nach Feedback. Auch ich tue das. Und ich kommentiere sehr gerne auch woanders. Das kann ich nur, wenn ich den Blog auch lese. Und dann tue ich das auch nur, wenn ich Interesse habe, wenn mich der Inhalt interessiert. Natürlich ist der geneigte Blogger eher bereit zu kommentieren, wenn ein anderer Blogger bei ihm kommentiert. Diese Wechselseitigkeit führt zu einer guten Verschmelzung und im Besten Falle zu einer Freundschaft. Ich habe seit einiger Zeit diese Freundschaft mit Julia. Wie lesen unsere Artikel sehr aufmerksam und kommentieren mit einer gewissen Freude und Bereitschaft beim jeweils anderen. Auch bei einigen anderen (ich nenne jetzt bewusst keine weiteren Namen) hat es sich eingebürgert und hat so zu einer kleinen Gemeinschaft geführt. Je mehr Blogs ich aber abonniere, desto größer wird der Druck, desto mehr Kommentare muss ich absetzen und ggf. auch “mal wieder” auf einen Artikel, zu dem mir im Prinzip überhaupt nichts einfällt, nur einfach, um mal wieder präsent zu sein.
Blogger sind auch nur Menschen
So wie es unzählige Blogs gibt, so stehen auch unzählige Menschen dahinter, die diese mit Inhalten befüllen. Menschen jeden Alters, jeder Bildungsschicht, jeden sozialen Standen mit unterschiedlichen Interessen, Ansichten, Schreibstilen und letztlich einer ganz persönlichen Intention. Natürlich sind Blogs auf den ersten Blick virtuelle Gebilde, wo es möglicherweise nicht darauf ankommt, ob ich mit dem Autor im realen Leben klar kommen müsste. Das macht natürlich auf den ersten Blick einen gewissen Reiz aus, aber auf Dauer finde ich es einfach zu unpersönlich. Ich stelle mir immer hinter dem Blog auch den Menschen vor, ob ich mit ihm “könnte” und natürlich gibt es hinter jedem Blog einen Charakter und nicht mit jedem möchte ich im realen Leben befreundet sein. Unweigerlich muss ich filtern, sortieren, mustern und entscheiden. Kann oder tue ich das auf Dauer nicht, macht es mich genauso krank als müsste ich ewig in einem Großraumbüro arbeiten oder in einer überfüllten Diskothek stehen. Mal hat alles seinen Spaß – aber bitte nicht ständig!
Blogger sind faule Hunde
Das gute am Bloggen ist, dass es einfach ist, sich hinzusetzen und die Idee, die im man Kopf hat, einfach nieder zu schreiben und sie zu veröffentlichen. Oft kommt es aber vor, dass man einen Artikel schreibt, wo man genau weiß, dass es bereits andere getan haben. Je mehr Blogs ich kenne und lese, desto größer wird die Chance, dass ich aktiv bereits von der Existenz eines gleichartigen Textes weiß. Kenne ich weniger Blogs so gibt es noch immer die Suchmaschinen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Wenn ich einen Artikel schreibe, dann recherchiere ich oder lasse mich inspirieren. Oft stehe ich vor dem Problem, entweder “nur” zu kommentieren oder einen Text zu schreiben, der weiter führt. Dann setze ich in jedem Falle einen Link. Leider machen das noch immer nicht alle und ehrlich, mich ärgert das sehr. Natürlich kann es mal vorkommen und wenn, dann freue ich mich, dass der entsprechende Mensch auf seinen Artikel in den Kommentaren hinweist. Manchmal füge ich den entsprechenden Link auch noch nachträglich in den bereits geschriebenen und veröffentlichten Erguss ein.
Twittern als Community
Wer twittert, weiß, dass er sich auf eine hochgradig vernetzte Plattform begibt. Hier besteht die Möglichkeit, sich mit zig Tausenden unbekannter Menschen auszutauschen. Wie jeder, der damit anfängt, fing auch ich klein an. Erst 2, dann 5, dann 20 und jetzt sind es bald 100 Menschen. Mit manchen habe ich noch nie ein Wort gewechselt, mit manchen nur, weil wir zusammen DSDS oder Formel1 sahen. Ich nutze Twitter nach wie vor als Multi-Personen-Chat. Auch einfach, um meinen Spaß zu haben und auch mal, um dem einen oder anderen Link zu folgen und natürlich auch, um meine neusten Blog-Artikel zu publizieren. Aber auch hier führt mich Twitter langsam an die Grenze des Überschaubaren. Ich verliere den Überblick, ich leide wieder an der enormen Reizüberflutung.
Stop!
Genau das sage ich jetzt. All das bisher genannte ist für mich einfach viel zu anstrengend! Ich kann und will dem nicht weiter folgen. Denn es macht mich nicht nur oberflächlich, es stumpft mich ab, es macht mich unkreativ.
Ich war immer eher ein Einzelgänger. Ich fühle mich in kleineren Gruppen wohl. Ich pflege meine wenigen Freundschaften gerne und sehr intensiv. Ich möchte teilhaben, aufmerksam und zur Stelle sein, wenn Hilfe nötig ist.
Natürlich bin ich auch ein kleiner Voyeur. Besonders, seitdem ich blogge. Ich liebe die vielen kleinen Alltagsgeschichten, was wem wieso passiert. Da bin ich neugierig und manchmal auch schadenfroh. Und ich liebe die Kommunikation, mit mir und mit anderen. Aber wie schon erwähnt, ich mag es übersichtlich, es soll mich unterstützen und nicht blockieren. Und momentan fühle ich mich einfach ausgebremst.
Ich werde mich daher in den kommenden Tagen sehr konsequent von vielen abonnierten Blogs und auch reichlich Menschen in Twitter trennen. Ich tue das nicht, weil ich diese Menschen nicht mag sondern aus reinem Selbstschutz!
Natürlich werde ich nicht auf meine lieb gewonnenen Freundschaften verzichten. Ihnen gilt dann wieder verstärkt meine Aufmerksamkeit und langsam erst werde ich mich vielleicht wieder ein Stück weit mehr aus meinem Schneckenhaus heraus trauen. Aber so extrovertiert wie ich mich gegeben habe, so werde ich nie wieder sein.
Das bin ich nicht und das entspricht auch nicht meinem Charakter.
P.S. Leider ist mein erster hierzu geschriebener Text irgendwie beim Speichern verloren gegangen. Er war mehr ein Tagebucheintrag, viel emotionaler. Er sollte im Prinzip für mich die Lücke schließen zwischen meinen Serien “
Über das Bloggen” und “
Vertraue niemanden”. Er sollte – und für mich hat er das, auch wenn er für immer verloren ist – mir klar aufzeigen, was Freundschaft für mich bedeutet. Nur unter der Prämisse der sozialen Gemeinschaft im Internet.
Er war auch eine Abrechnung mit der ganzen überkandidelten Überheblichkeit, der extremen Wichtigtuerei von Einzelnen und für mich die Erdung, was ich überhaupt will. Und ich will meinen Spaß zurück, etwas Kunst und Schreibkultur schaffen, etwas kreieren, etwas Fantasie anregen, mein Leben dokumentieren und mich persönlich entwickeln.
Der zweite Entwurf ist jetzt etwas distanzierter, einfach, weil ich meinen großen Frust schon frei geschrieben habe. Und ehrlich hatte ich auch keine Lust, mich wieder neu reinzusteigern. :-)
Als einzigen Querlink verweise ich auf das Spiegel-Interview mit Else Buschheuer, die im Gegensatz zu mir mit dem Bloggen aufhören will, während ich nach neuer Inspiration für das weitere Blogger-Leben suche.
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Tags: Blog, Freund, Kommunikation