Kindergeschrei
Hartmut 13. August 2009
Ich gebe es hiermit offiziell zu: Ich hasse Kinder! Ist ja nicht so, dass ich sie nicht zum Fressen gern hätte, wenn, dann aber mit einer leckeren Soße!
Was für eine Zumutung, dass ich nicht nur in meiner neuen Wohnung ins Erdgeschoss eingezogen bin, sondern auch noch direkt gegenüber einem Kinderspielplatz! Den lieben langen Tag nervt mich nun dieses Aufmerksamkeit erhaschende Gebrüll dieser Kleinwüchsigen. Da schwoll mir in den letzten Tagen einfach der Kamm. Diese Monster ewig vor meinem Fenster kreischen hören zu müssen, war einfach ätzend.
Ich wollte Ruhe, es diesen fiesen Hamsterbacken ein für alle mal zeigen .. und den gebärfreudigen Becken, die dieses Pack einst austrugen, ebenso.
Also, rannte ich mit geballter Faust raus, hinaus, aus dem Haus! Ich kam nicht weit, denn ich stolperte und flog über ein rotes Plastikeimerchen. Ich wusste gar nicht, dass in den Boden ein Trampolin eingelassen war, denn ich flog zunächst total weich. Ein Glück bremste mich der Stamm einer Pappel, deren klebender Samen sich über mich ergoss.
Kaum hatte ich mich aufgerappelt, da flog mir ein Tischtennisball ins Auge. Ich war so voller Zorn, als mich so ein 120cm großes Weichei bat, die Partie zu Ende zu bringen. Also schlug ich den Schläger, drosch den Ball auf die betonene Tischtennisplatte – und verlor!
Mein Zorn, er wuchs und ich suchte nach Opfern! Diese jämmerlichen Geschwüre, einst ein simpler Samenerguss, schrien und brüllten um mich herum und ich eilte zur Schaukel. Zwei auf einen Streich, dachte ich mir und so heuchelte ich, mitspielen zu wollen. Ich setzte mich auf die Wippe und saß unten. Da saß ich auch noch als die eilig herbei gerufenen geschätzten 47 anderen Nachbarskinder auf der anderen Seite saßen. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und es reizte mich, plötzlich aufzustehen und die gesamte Mannschaft voll auf die Fresse fliegen zu sehen. Aber ich hatte plötzlich so etwas wie Mitleid und irgend etwas hielt mich dann doch davon ab.
So tat ich es ruhig und vernünftig, langsam, ich spürte das Brett in meinem Schritt, und all diese Gören kamen unbeschadet zurück auf den Boden der Tatsachen. Plötzlich war ich wohl deren Pausenclown. Ich spürte in meiner rechten eine kleine Kinderhand. “Hallo, ich bin Lisa!”, sprach es mich an. Mir entrückte ein unbeabsichtigtes Lächeln. Nun sollte ich beim klettern helfen, bei einer Überschlagsrolle. Ja, ich erinnerte mich an meine alten Kindertage und fing laut zu lachen an.
Plötzlich stand ein Dragoner neben mir, eine echte Wuchtbrumme, wohl die Wachpolizei meines Vorgartens. Nachdem sie mich auf den Boden warf, mir das Gesicht in den Sand drückte und ich kurz vorm Ersticken war, zückte ich meinen Ausweis. Damit wies ich nach, dass ich hier wohne, ich erklärte mich, nicht pädophil zu sein und alles kommentierte nebenbei die kleine Lisa: ”Lass ihn los, er tut nix, er spielt doch nur, er ist kein Fremder!”
Das dicke Paket auf mir ließ von mir ab, grinste mich blöde an und verschwand in typischer, schaukelnder Security-Manier. Ich rappelte mich auf, Klein-Lisa und die anderen 47 Kinder versuchten mich, an meinem ausgestreckten Arm hoch zu ziehen, was aber nicht gelang. So rollte ich mich in die Bauchlage und konnte mich über einen mühsam ausgeführten Liegestütz hoch hieven.
Das lustige Kindergebrüll, als ich endlich stand, werde ich wohl für immer in den Ohren haben. Ich weiß nicht, ob ich nun mit anderen Ohren sehe oder mit den Augen anders höre, aber Kindergebrüll ist etwas, das ich von nun an sehr gerne höre. Es ist das pure Leben, es hat Kraft und Energie und sehr viel Liebe.
Übrigens stellte mich Lisa noch ihrer Mutter vor. Neidisch trafen uns einige Blicke der anderen (alleinstehenden) Mütter, als wir uns unterhielten. Wir waren heut Abend auf ein Glas Rotwein verabredet und sicher sehen wir uns morgen wieder – wir wissen ja jetzt, wo wir uns finden.
P.S. – Die Geschichte ist natürlich stark überzogen und ich wollte in keiner Weise den kleinen Gören je etwas Böses. Aber einige Fünkchen Wahrheit sind schon enthalten. :)
